90 Jahre Grubenkatastrophe Hart

Geschätzte Damen und Herrn, liebe Jugendliche, namens des Museumsvereins Enzenreith-Payerbach darf ich Sie zu unserer Gedenkveranstaltung „90 Jahre Grubenkatastrophe Hart“ hier am Bergfriedhof begrüßen und Ihnen für Ihr zahlreiches Erscheinen danken. Wir freuen uns, dass an dieser Veranstaltung die Bürger-meisterin von Gloggnitz Irene Gölles, der Bürgermeister von Enzenreith Ing. Franz Antoni sowie der Bürgermeister von Payerbach Eduard Rettenbacher teilnehmen, weiters Pfarrer Mag. Ernst Pankl von Gloggnitz. Gleich eingangs sei den Abordnungen der Freiwilligen Feuerwehren unter den Kommandanten Hauptbrandinspektor Thomas Rauch und Oberbrandinspektor Josef Kosak und der Stadtkapelle Gloggnitz unter der Leitung von Kapellmeister Manfred Sternberger für ihre Mitwirkung an dieser Gedenkveranstaltung gedankt, aber auch den Vereinsmitgliedern, welche im Bergmannskittel daran teilnehmen. Ein herzliches Grüß Gott dem Gildemeister der Pfadfinder, Herrn Ernst Stranz, der mich bei der Organisation dieser Veranstaltung unterstützt hat sowie dem langjährigen Leiter des Bergbau-und Heimatmuseums Enzenreith, Herrn Eugen Förster.

 

Der 26. Juni 1924 war ein strahlender Sommertag. Die 70 Mann der Frühschicht versammelten sich auf dem Werksgelände und warteten auf das dreimalige, langgezogene Signal der Dampfsirene, das den Schichtwechsel ankündete. Während ein Teil der Kumpel im 233m tief gelegenen unteren Bau arbeitete, brachte der Förderkorb die zweite Abteilung zu einem Stollen, der 60m höher lag. Die Werksleitung hatte sich entschlossen, an diesem Tag den zwischen der 2. Sohle und dem Tiefbau liegenden abgedämmten Brandherd, in welchem wenige Wochen zuvor der Bergknappe Rampula bei lebendigem Leibe verbrannt war, wieder zu öffnen. Nachdem der Stollen durch die Bergwerksleitung inspiziert worden war und sich nichts Verdächtiges vorfand, durften die Kumpel an die Arbeit. Unglücklicherweise hatten die Fachleute aber einen Rohrbruch in der Lüftungsleitung übersehen: Als der Kompressor Frischluft in die Rohrleitungen blies, strömte sie durch das beschädigte Rohr in die Verdämmung und drückte das dort vorhandene giftige Kohlenmonoxid anstatt in den Wetterschacht in die Stollen. Die Folgen dieses technischen Gebrechens waren furchtbar!

Als plötzlich gegen Mittag die Sirene des Bergwerks schauerlich heulte, ahnten viele, dass etwas Schreckliches geschehen sein müsse: Frauen, Mütter und Kinder eilten besorgt hinaus zum Harter Bergwerk, aber auch die arbeitsfreien Kumpel hielt es nicht zu Hause – sie drängten sich um den Schacht, um ihren Kameraden zu helfen. Feuerwehr und Rettung trafen ein, konnten aber vorläufig nichts ausrichten. Schließlich holte man den Betriebsrat Eckinger: Er war neben 2 anderen Männern der einzige, der mit den Atemschutzgeräten umgehen konnte. Jetzt rächte es sich bitter, dass nur ein ganz kleiner Teil der Belegschaft für den Rettungsdienst ausgebildet war, obwohl die Knappen mehrmals die Verwaltung gebeten hatten, Schulungen für die ganze Mannschaft durchzuführen. Das koste zuviel Zeit und Geld, meinte man immer wieder!

Das Werk besaß insgesamt nur 5 Atemschutzgeräte, davon waren aber 2 unbrauchbar, weil die Sauerstoffpatronen nicht gefüllt waren; die 3 anderen reichten für jeweils 10 Minuten. Untätig mussten die Angehörigen zusehen, wie wertvolle Zeit verrann. Erschütternde Szenen spielten sich ab, als der Förderkorb mit schrillem Klingeln die ersten Opfer aus der Grube brachte. Vor dem Werkstor war inzwischen beinahe ganz Gloggnitz versammelt, und die Polizei hatte vollauf zu tun, die schreiende und zum Werksgelände drängende Menschenmenge zurückzudrängen.

Inzwischen hatte der Betriebsrat das Steinkohlenbergwerk Grünbach angeru-fen, welches Rettungsleute in 2 Autos schickte. Die Geretteten erzählten vom selbstlosen Handeln ihrer Kameraden. Da war der Obersteiger Johann Feierl, der, selbst der Gefahr nicht achtend, einige Kumpel vor dem Gaseinbruch warnte und sich selbst nicht mehr retten konnte. Durch besondere Tapferkeit tat sich Schussmeister Josef Zwinz hervor: Der Aufseher Arnold hatte ihn beauftragt, die Kumpel auf seiner Strecke zu warnen, doch er tat mehr: er rettete 7 Kameraden das Leben! Als er trotz inständigen Bittens seiner Frau noch einmal in die Grube einfuhr, erfüllte sich sein Schicksal. Für 29 Bergmänner kam jedoch jede Hilfe zu spät! Unter den Opfern befand sich auch der Schussmeister Franz Spruzina mit seinen beiden Söhnen Karl und Wenzel. In der Stunde der höchsten Gefahr war er zu ihnen geeilt, hatte sie mit seinen Riesenfäusten gepackt und wollte sie in Sicherheit bringen. Auf der Leiterfahrt verlor er aber selber die Besinnung. Der Rettungsmannschaft war es trotz aller Anstrengung nicht gelungen, die 3 Aneinandergeklammerten zu trennen, und so brachten sie die 3 nach oben, wie sie sie gefunden hatten: den Vater, der selbst im Tode noch die Hände schützend um seine Söhne hielt. In 2 Räumen gegenüber der Werkskanzlei lagen die Toten auf Schragengerüsten aufgebahrt, und schluchzend umstanden die Angehörigen die Opfer der Katastrophe.

Grubenunglück Hart

Am 29. Juni 1924, einem Sonntag, fand das gemeinsame Leichenbegängnis der Grubenopfer statt, und dieser Tag gestaltete sich zu einem Trauertag für den ganzen Bezirk. Über 30.000 Menschen waren erschienen, um den Opfern das letzte Geleit zu geben. Meine Mutter, nunmehr im 98. Lebensjahr stehend, war als 7-jähriges Mädchen Zeugin des Begräbnisses: Vor der alten Othmarkirche am Gloggnitzer Hauptplatz standen die Särge der Verunglückten, mit Kreuzen, Grubenlampen und Blumengebinden geschmückt. Der Jammer unter den Hinterbliebenen war erschütternd: Hier weinte eine Mutter mit ihren 6 Kindern um den Gatten und Vater, dort ein alter Mann um seinen Sohn; eine Frau mit ihren 2 Töchtern nahm Abschied von ihrem Gefährten, während eine junge Frau in stiller Trauer daran dachte, dass sie an diesem Tag Hochzeit hätte halten sollen.

Nach der Einsegnung bewegte sich ein fast endloser Leichenzug unter den ernsten Klängen der Musik dem Bergfriedhof zu. Ein letztesmal grüßte der Förderturm, von dem jetzt die schwarze Trauerfahne wehte, die toten Bergleute, die nun im Angesicht ihres Bergwerkes bestattet wurden. Sänger stimmten ein Bergmannslied an, als die Erde die Toten aufnahm; ergreifend klang es über das offene Grab, über die Trauernden hinweg… Seither sind 90 Jahre vergangen! Längst ist das Surren der Seilräder verklungen, der Förderturm abgebaut, der Schacht zugeschüttet Die Erinnerung an das Harter Grubenunglück und den einstigen Bergbau lebt aber im großen Grabdenkmal hier auf dem Friedhof fort. Zwischen 2 in Stollen einfahrenden Grubenhunte kündet eine Tafel von den Verrunglückten. Bei näherer Betrachtung des Grabmales fällt dessen starke Neigung nach Süden auf. Die Ursache dieser Veränderung ist das ehemalige Bergwerk, denn tief unten brechen die Baue nieder und verstürzen die Stollen; so sind die toten Bergleute selbst heute noch mit ihrem Bergwerk verbunden.

Ich schließe meine Ausführungen mit einer Strophe des Reichenauer Barbara-liedes:

             „St. Barbara, die Gottesbraut, der Bergmann stets auf dich vertraut.
Erfleh´ von Gott uns reichen Segen, denn alles ist an ihm gelegen.
Glückauf, Glückauf zur letzten Fahrt erbitt´uns Jungfrau, rein und zart.
Glückauf, o Schutzfrau, rein und zart, Glückauf zur letzten Grubenfahrt!“

(Rede von Dir. Norbert Toplitsch, Obmann des Museumsvereines Enzenreith-Payerbach, gehalten vor dem Grab auf dem Bergfriedhof Enzenreith am Allerseelentag 2014)

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